Fachtagung 2017 in Hamburg


Teilgenommen haben wir als Pflegeeltern einer siebenjährigen Pflegetochter, beide staatlich anerkannte Erzieher. Gleich zu Beginn bat der Moderator um eine kurze Vorstellungsrunde durch Aufstehen bei genannten Zugehörigkeitsbereichen. Wir waren doch erstaunt, wie breit gefächert die Teilnehmer der Fachtagung durch ihren Wirkungskreis waren. Lehrer, Ärzte, Therapeuten, Psychologen, Psychiater, Menschen mit politischen Ambitionen, Mitarbeiter von Jugendämtern in verschiedenen Bereichen und Positionen, Teilnehmer aus Einrichtungen in verschiedenen Bereichen und Positionen, leibliche Eltern, Adoptiv- und Pflegeeltern, Betroffene und Menschen aus allen möglichen Lebenshintergründen waren Teilnehmer. Umso mehr stieg bei uns die Vorfreude auf den Austausch. Wir empfanden es als großartig zu sehen, in wie vielen Bereichen die Thematik auf Fachlichkeit trifft.

Nach Grußworten referierte Dr. Michael Klein zum Thema „Kinder suchtbelasteter Familien“. Er beschrieb die verschiedenen Stressreaktionen, die Kinder innerhalb solcher Familien zeigen können. Ernüchternde Zahlen waren z.B.

  • 1/3 der Kinder, die in Familien mit Suchtproblematik leben, geben sich selbst die Schuld an der Sucht der Eltern, weil sie so schwierig sind
  • ¼ der Kinder aus Familien mit Suchtproblematik bilden Resilienzen
  • 50% der Kinder aus Familien mit Suchtproblematik entwickeln auf Grund der Herkunftsgeschichte eine eigene Suchtproblematik
  • substituierte Eltern sind laut einer neuen Studie nach 6 Jahren immer noch genauso psychisch krank wie während der Suchterkrankung.
Die Betroffenheit in den Gesichtern der Teilnehmer war deutlich zu sehen. Im persönlichen, späteren Austausch war allen klar, wie wichtig die Unterstützung der Kinder aus diesen Familien ist und wie gut man für eine solche Aufgabe geschult sein muss.

Für uns waren dann wichtige Themen die Diagnostik nach der S3 Leitlinie bei Dr. med. Dipl. Psych. Mirjam Landgraf.

Ihr Vortrag war sehr gut besucht und die Teilnehmer verzichteten auf die angesetzte Pause. Auch hier gab es Zahlen neuerer Studien, die uns Teilnehmer betroffen machten. So gibt es ca. 130.000 von FASD betroffene Kinder in Deutschland, das sind mindestens 1 Prozent aller Schüler an unseren Schulen. Hier tut sich doch eine große Lücke zwischen Bedarf und Angebot auf. Weiter ging sie sehr in medizinische Details, die man in verschiedenen Studien nachlesen kann. Die Masse an Beeinträchtigungen durch eingenommene Substanzen während der Schwangerschaft auf verschiedene Bereiche dargestellt, nehmen einem als Zuhörer doch immer wieder kurz die Luft. Gerade die Exekutivfunktionen sind so wichtig im Alltag und werden doch schon an dieser Stelle unwiderruflich beeinträchtigt. Sie verwies auch auf den 4 Digits Code, der strenger als unser deutscher Standard ist, und auf neuere Lip-Philtrum Guides, die gemeinsam mit den herkömmlichen angewandt werden könnten.

Dr. Reinhold Feldmann vermittelte seinen Vortragsteilnehmern, wie wichtig es ist, im Tempo der betroffenen Menschen im Umgang mit ihnen zu sein. Immer wieder auf Hilfsmaterial zurückzugreifen und Dinge und Aufgaben zu verbildlichen. Auch z.B. sein eigenes Sprechtempo immer mal wieder zu beobachten und gegebenenfalls zu korrigieren sei oft schon ein bedeutendes Detail in der Arbeit.

Der Vortrag von Rechtsanwalt Peter Hoffmann zeigte den Teilnehmern, welche Reichweite, aber auch Grenzen rechtliche Grundlagen haben. Der Austausch unter den Teilnehmern machte sehr schnell klar, dass bei vielen Familien fachlicher Beratungsbedarf in verschiedenen fachlichen Richtungen vorherrschte. Hier war sein Rat beim zuständigen Amt den zwingend erforderlichen Bedarf zu äußern. Erbringen kann ihn eine belegende oder begleitende Stelle oft aber nicht, dann muss man sich immer auf Einzelfalllösungen einlassen. Hier wurden noch ganz viele andere, einzelne Themen angesprochen. Sein Rat war immer, Einzelfalllösungen zu erarbeiten, denn kein von FASD betroffener Mensch ist wie ein anderer von FASD betroffener Mensch. Jeder bringt seine eigene Hintergrundgeschichte mit und für jeden gibt es eine einzelne Zukunftsperspektive.

Beim Vortrag zum Thema „Umgang mit Konflikten“ mit Markus Brandt war die Zahl der Teilnehmer groß. Er gab einige Denkanstöße in Form von kurzen, eingehenden Sätzen wie z.B.

  • Verhalten, das wir ignorieren, ist Verhalten, das wir tolerieren und später korrigieren.
  • Regeln sind kein veränderbarer Rahmen.
  • Für manche ist es nicht wichtig gewesen, Regeln zu lernen oder sich an sie zu halten, sondern Stimmungen der Menschen zu lesen.
  • Gewalt ist Macht durch Angst.
  • Gewalt ist für manche der gelernte Weg, Kontrolle über die Situation zu bekommen.
Auch einen wichtigen Satz für Menschen, die mit Betroffenen arbeiten oder leben, hatte er im Gepäck: Wir können verstehen, müssen aber nicht einverstanden sein.

In der Diskussionsrunde im Anschluss an den eigentlichen Vortrag gaben einige zu bedenken, dass nicht alle Denkanstöße im Alltag umzusetzen seien, weil sie doch eine gewisse Bereitschaft voraussetzen.

Auch hier wurde wie im Vortrag von Peter Hoffmann wieder deutlich, dass es zu einem großen Teil um individuelle Lösungsansätze gehen muss. Jeder Betroffene „tickt“ anders, genauso wie jeder, der nicht von FASD betroffen ist, seine Eigenheiten hat. Da sollte man im Umgang miteinander immer auch seine eigenen Befindlichkeiten gut reflektieren können.

Die anderen Vorträge konnten wir aus organisatorischen Gründen nicht persönlich besuchen. Im Austausch war aber schnell klar, dass Fragen oder Probleme bei jedem anders gelagert sind und es gut ist, wenn man sich seiner aktuellen Themen im Einzelnen widmen kann.

Am Samstag referierte Prof. Dr. Annemarie Jost zum Thema „FASD – die nicht gestellte Diagnose – Folgen für ältere Jugendliche und Erwachsene“. Auch hier gab es für die Teilnehmer wieder einige Zahlen, die betroffen machten

  • nur die Hälfte der Erwachsenen mit FASD konnte jemals länger als 1 Jahr ein Arbeitsverhältnis aufrecht erhalten
  • 60 % der über 12-jährigen kommen mit dem Gesetz in Konflikt
  • 23 % der Betroffenen unternehmen einen Suizidversuch
FASD kommt neben Südafrika in Europa am häufigsten vor. Hier haben wir also in Zukunft zwei Punkte zu bearbeiten. Zum einen die Aufgabe aufzuklären. Nicht nur eigentlich, sondern immer sollte jedem die Tragweite seines Handelns bewusst sein. Zum anderen zu sensibilisieren, für Menschen, die vielleicht irgendwie „anders“ sind. Menschen mit FASD sind im Zusammenhang mit Justiz und Polizei laut Behindertenrechtskonvention durch Artikel 12 Absatz 3 zu schützen.

Bei Jan V. Wirth haben wir zum Thema „Mehrperspektivisch handeln“ alle gut zugehört.

Sein Arbeitsansatz durchzieht faktisch alle Bereiche, in denen Entscheidungen für betroffene Menschen gefällt werden. Hier ging es um die gemeinsame reflexive Auseinandersetzung über die eigene Erkenntnisweise. Die nächste Aufgabe des einzelnen wäre das ergebnisoffene Übernehmen der Sichtweise des anderen. Dann könnte man eventuelle Hürden, wie z.B. ein Hilfeplangespräch, durch dialogische Perspektivenverschränkung auch führen, ohne dem Gegenüber das Gefühl zu vermitteln, an den eigenen Unzulänglichkeiten arbeiten zu müssen.

Prof. Dr. Tanja Hoff von der katholischen Hochschule Köln sprach über die Wichtigkeit, die spezialisierte Ärzte haben. Inhouse – Angebote spielen eine enorm große Rolle in der Prävention. (Betroffene gehen eben nicht allein den Schritt von der Feindiagnostik zur Suchtberatungsstelle)

Erziehungskompetenztrainings bearbeiten leider nicht die Schuldfrage der leiblichen Mütter, die ihr Kind vorgeburtlich durch Substanzen geschädigt haben.

Im Austausch während dieses Vortrags bemerkt eine Kinderärztin, dass Akademikerinnen eine große, unerreichte Gruppe in Aufklärungsprojekten seien (bei nicht weniger Betroffenen in akademischen Kreisen). Bei ihnen wird Verstand und Wissen einfach vorausgesetzt. Es gibt ein Präventionsprojekt vom BMG für Schulen, Gymnasien sind davon ausgeschlossen. Das Problem sei nicht, dass es keine Prävention gibt. Das Wissen muss mehr in die Fläche getragen werden.

Dr. med. Henrike Härter gab zum Thema „Hilfreiches für Menschen mit FASD“ wertvolle Tipps für den Alltag.

Bei betroffenen Kindern muss immer ein Erwachsener da sein, der Impulse oder Emotionen reguliert und korrigiert. Zu den einzelnen Bedarfen hatte sie verschiedenste Lösungsmöglichkeiten

  • Weglauftendenzen: Weglaufmatte / Auftrittmatte; akustische / visuelle Bewegungsmelder; abschließbare Fenstergriffe; an der Hand laufen lassen; Tandemrad; Rehabuggy; GPS
  • Unruhe: Körperkontakt; Tragetuch; Hängematte in der Wohnung; Höhle über dem Bett; taktile Reize wie schwere Kleidung und Schuhe, Neoprenanzug, Gewichtsdecke; Pflegebett; Begrenzung durch Fixierung im Stuhl/Auto nur in Begleitung eines Erwachsenen
Freiheitsentziehende Maßnahmen müssen immer erst vom Gericht genehmigt werden.

  • zeitliche Orientierung: Tages-, Wochen- und Jahrespläne; Timer; Nachtlicht (solange das brennt, schlafen wir oder sind leise); Kleiderstraße; Bilderfolge
  • Handlungsorientierung: Wegschließen von Wertgegenständen (Schutz statt Strafe); Maßnahmen im Sinne des „Familienfriedens“
Joachim Decker sprach zum Thema „FASD in der Jugendhilfe“. Auch hier wieder eine Zahl, die uns mit ihrer Wucht noch lange im Gedächtnis bleiben wird: 4% - 7% der in Einrichtungen untergebrachter Kinder sind von FASD betroffen. Hilfestrukturen müssen also gut kombiniert werden! Es gibt gute Ansätze, wie wir z.B. in Brandenburg sehen. Hier werden per se 10 Stunden Mitarbeiteraufstockung pro Kind mit §35a gewährt.

Die auf Bundesebene einflussreichste Stelle seine Belange in die Jugendhilfe und in die Politik zu tragen ist der Jugendhilfeausschuss.

Zusammenfassend können wir für uns ein absolut positives Resümee ziehen. Die Teilnahme an der Fachtagung hat sich für uns als absolut richtig herausgestellt. Diese riesige Spannbreite an Kompetenz, fachliche und persönliche Begegnungen und ein gut strukturierter Ablauf zeigen noch Nachwirkungen. Mental hat uns am Samstag zwischen den kurz aufeinander folgenden Vorträgen die Luft zum Durchatmen gefehlt. Das wird sicherlich die gebundene Version zur Fachtagung wettmachen und bei Bedarf vertiefen.

Zu anderen einzelnen Parallelvorträgen tragen wir uns durch weiteren Austausch Informationen zusammen. Das empfinden wir aber überhaupt nicht als tragisch. So bleibt man weiter im Gespräch und am Thema. Durch den glücklichen Umstand, als Ehepaar zu dieser Fachtagung zu kommen, hat sich uns ein riesiges Feld an Wissen und Informationen aufgetan.