Fachtagung 2016 in Würzburg

Vom 23.09. bis 24.09.2016 fand die diesjährige Fachtagung von FASD Deutschland e.V. unter der Überschrift „FASD – Resignation? Motivation!“ in Würzburg statt. Die Schirmherrschaft übernahm zum wiederholten Male Frau Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, und zum ersten Male Frau Melanie Huml, Bayerische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege. Durch die Fachtagung führte in bewährt humorvoller und kompetenter Weise Herr Dr. Winfried Kösters als Moderator.

Die gutbesuchte Fachtagung wurde durch Herrn Kösters und Frau Gisela Michalowski, Vorstandvorsitzende des Vereines, eröffnet.

In einem ersten Fachvortrag stellte Dr.med.Dipl.Psych. Mirjam Landgraf iSPZ Hauner der LMU München die Erweiterung der S3 Leitlinie vor, an der sie selbst mitarbeitet. Sie erläuterte, dass die Diagnose nun ausgeweitet wurde auf den kompletten Bereich FAS, pFAS, ARND im Kinder- und Jugendbereich, wobei je nach Lage die 4 Grundbereiche Wachstum, Gesichtauffälligkeiten, Zentralnervensystem und Alkoholkonsum der leiblichen Mutter unterschiedlich stark zur Geltung kommen.

Im Anschluss daran zeigte Herr Prof.Dr. August Huber (em. Hochschule Esslingen FB Sozialpädagogik) eine etwas andere Sichtweise auf die anstrengende Arbeit mit diesen Menschen auch aus seiner Sicht als Pflege- und Adoptivvater. Das Fazit des 80jährigen: „Wir müssen immer weitermachen trotz aller Erschwernisse – aber nicht auf Auszeiten verzichten.“

Danach konnte man in einer Kaffeepause das Gehörte verarbeiten, sich austauschen und/oder die Projektausstellungen und diverse Infostände besuchen. Die Projektausstellung „Zero!“ zeigte u.a. mit einer begehbaren Gebärmutter, wie wichtig der Verzicht auf Alkohol in der Schwangerschaft ist.

Im weiteren Verlauf des Vormittags kam Prof.Dr.med. Frank Häßler zu Wort, ausscheidender Direktor der Klinik für Psychiatrie Rostock, der den Zusammenhang klarzumachen versuchte, den FASD in Verbindung mit Kriminalität spielt. An einem Beispiel eines Friedhofsmordes an einer älteren Dame durch einen Täter mit FASD zeigte er die Probleme auf, erwähnte jedoch auch, dass in einer Studie nicht unbedingt herauskam, dass Menschen mit FASD zwangsläufig mehr straffällig werden als die Vergleichsgruppe.

Vor der Mittagspause griff noch einmal Herr Dr. Kösters zum Mikrofon, um an 10 Grundregeln für gelungene Kommunikation zu erinnern, die im Umgang mit Ärzten und Behörden dienlich sein könnten.

Am Nachmittag hatte die Fachanwältin für Sozialrecht Gila Schindler die undankbare Aufgabe, über ein so trockenes Thems wie die Reform des SGB VIII dennoch unterhaltsam zu referieren. Positiv im Arbeitspapier der Regierung ist zu vermerken, dass Teilhabe und individuelle Förderung ein inklusiver Tatbestand werden sollen und dass das SGB IX zum Leistungsrecht wird. Kritisch merkte sie an, dass Ausbildung und Beruf sehr stiefmütterlich behandelt werden und die Rechtslage jenseits des 18. Lebensjahres bis zum 27. Lebensjahr vernachlässigt werde. Zudem werden die Gesetze recht spät (2020 bzw. 2023) in Kraft treten. Auf die Möglichkeit der Petition wies sie ausdrücklich hin.

Ein Highlight des ersten Tages war der Punkt „Leibliche Mütter melden sich zu Wort“. Unter dem Applaus des gesamten Auditoriums stellten sich vier leibliche Mütter alkoholgeschädigter Kinder mit ganz unterschiedlichen Biografien in einer Podiumsdiskussion auch intimen Fragestellungen. Wichtiger Hinweis für alle leiblichen Mütter: „Du kannst es nur ab sofort besser machen, befreie dich von Schuldvorwürfen!“ Der abschließende Diskussionsbeitrag eines Pflegevaters drückt die Wirkung dieses Tagungspunktes aus: Mit Tränen in den Augen verkündete er, dass er die „besch….ene“ Situation als Pflegeeltern nun in einem etwas anderen Licht sehe.

Der Tag endete wie schon in den beiden letzten Jahren mit den Murmelrunden und deren Auswertung. Wieder fanden sich einige Gruppen zum regen Austausch.

Der zweite Tag begann nach einer kurzen Rückbesinnung von Herrn Kösters auf Tag 1 mit einem Vortrag von Herrn Dr.med. Jochen Gehrmann aus Ludwigshafen, der die verschiedenen Aspekte einer medikamentösen Begleitung der Behinderung FASD beleuchtete. Interessant war vor allem, dass die Verabreichung von Atomoxedin (z.B. Strattera) eigentlich viel wirksamer wäre, wenn nicht vorher Methyphenitat (z.B. Ritalin) verabreicht würde, dies aber in Deutschland gleichbedeutend sei mit off-label Verschreibung, also gegen die offiziellen Richtlinien. Er wies auch auf das Suchtpotential von Amphetaminen hin, erläuterte etwas genauer, warum Melatonin bei Einschlafstörungen einen Versuch wert sei und betonte die Wichtigkeit von Medikamentierung in Verbindung mit begleitenden Fördermaßnahmen. An der Tatsache, dass FASD nicht heilbar sei, geht nach wie vor kein Weg vorbei.

In einem sehr anschaulichen Vortrag erläuterte der Dipl.Psych. Klaus ter Horst vom Eylarduswerk, wie die Jugendhilfe flächendeckend das Thema FAS lange verschlafen habe. Er arbeitet zusammen mit der Uni Münster, wo mittlerweile eine Zusatzqualifikation zur FAS-Fachkraft für Mitarbeiter der Jugendämter möglich ist. Er rechtfertigte in seinen Ausführungen das Verhältnis von hohen Ausgaben zu kleinen Veränderungen, die man damit bei den Betroffenen erreicht. Oft ergibt sich ein Problemfeld, dass Pflege- und Adoptiveltern die Experten, die Jugendämter aber die Entscheider seien.

Nach einer kurzen Kaffeepause berichteten Jens Elberfeld aus Dortmund und Ines Fornacon aus Berlin (beide Offroad Kids Stiftung) vom Alltag auf der Straße und wie schwierig es ist, in mühevoller Kleinarbeit an die Betroffenen in einem Vertrauensverhältnis heranzukommen und mit ihnen den Alltag geregelt zu bekommen. Quintessenz: Exklusion von FASD erzeugt häufig in der nächsten Generation weiteres FASD, 1€ ausgegeben in der Jugendhilfe erspart später 3€ an Transferleistungen.

Mit Beginn der zweiten Tageshälfte ging es in die vier verschiedenen Workshops/Vorträge: „FASD und Schlaf“ mit Herrn Prof.Dr.med. Bernhard Schlüter, Universität Witten/Herdecke. „FASD und Freizeitgestaltung“ mit Frau Dr. Barbara Wüst und J. Kullas aus Lüdenscheid,. „Hilfsmittel bei FASD“ mit Frau Kerstin Held, Vorsitzende Bundesverband behinderter Pflegekinder. „FASD und Schule“ mit Herrn Matthias Wagner-Uhl, Schulleiter der Gemeinschaftsschule Neuenstein/Baden-Württemberg.

Es folgte eine kurzen Auswertung der einzelnen Workshops.


Der zweite Fachtagungstag endete mit dem emotionalen Programmpunkt „Leben mit FASD“, wo Dr. Kösters in einer Podiumsdiskussion zwei betroffene Erwachsene zu Wort kommen ließ sowie die Behindertenbeauftragte des Freistaats Bayern, Frau Irmgard Badura, Frau Gela Becker von der Einrichtung Sonnenhof und Herrn Peter Müller, Teamleiter Reha Arbeitsagentur Würzburg.

Als Resümee bleibt zu sagen: Wieder eine gelungene zweitägige Veranstaltung, wir freuen uns auf die nächste Fachtagung 2017 in Hamburg.