16. FASD Fachtagung: 26. - 27. September 2014 im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden


Die 2-tägige FASD-Fachtagung, die vom Bundesministerium für Gesundheit und dem Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz gefördert wurde, zeichnete sich durch Professionalität, Qualität und ein hohes Maß an leidenschaftlichem Engagement aus.

Das Motto "Lei(t)d-Pfade durch das Leben" stieß auf große Resonanz bei den Teilnehmern - es waren mehr als 260! -, die den Austausch mit Fachleuten und unter Gleichgesinnten suchten. Gerade diese Kombination aus Professionellen, ob als Referent oder als Teilnehmer, und Betroffenen (dazu gehören natürlich auch die Pflege- und Adoptiveltern) hat wesentlich zum Erfolg der Tagung beigetragen.

Dass so viele verschiedene Bereiche und Berufe vertreten waren, unterstreicht die Tragweite der Folgen von FASD im Alltag der Betroffenen.

FASD ist ein Thema, das inzwischen auch in der Politik angekommen ist; die aktive Teilnahme von Politikern, die auf Bundes- und Landesebene agieren, das Engagement der Drogenbeauftragten der Bundesregierung - all das zeugt davon, dass das Thema FASD endlich als gesellschaftliches Problem wahrgenommen wird.

Der Moderator erklärte, dass die FASD-Fachtagung einmalig in Deutschland sei - keine andere Fachtagung wäre durch eine Selbsthilfegruppe initiiert und organisiert. Meiner Ansicht nach ist das möglicherweise der Schlüssel zum Erfolg. Um einen Menschen mit FASD "optimal" durch das Leben zu begleiten und zu unterstützen, ist ein ganzheitlicher Ansatz unabdingbar: es bedarf eines FASD-kompetenten, interdisziplinären Teams, das den Eltern auf Augenhöhe begegnet. Viele der betroffenen Eltern verfügen ebenfalls über enormes Fachwissen und es kam während der Veranstaltung zu einem wahren Austausch.

Unter den namhaften Referenten waren etliche FASD-Experten, die viele von uns bereits kennen und, die sich seit Jahren für "unsere" Kinder engagieren. Sie sprachen über Themen wie die Diagnostik und ihre Grenzen, die Implementierung der S3-Leitlinie, medikamentöse und alternative Behandlungsansätze, Reha-Maßnahmen, Wohneinrichtungen und sozialrechtliche Fragen. Sie berichteten über ihre Arbeit mit FASD-Betroffenen, über neue Erkenntnisse, sie beantworteten Fragen, diskutierten mit dem Publikum, nahmen Anregungen an.

Andere Redner behandelten ebenfalls sehr spannende Themen, wie Inklusion (gemeinsamer Unterricht) und "Junge Wilde, Grenzgänger, Systemsprenger". Gerade diese beiden Themen gaben Anlass zur regen Diskussion!

Neben den Vorträgen und Wortmeldungen fanden verschiedene Workshops unter der Leitung von Gastrednern statt. Sehr beindruckend war der persönliche Bericht einer Betroffenen; es wurde aber auch in kleineren Runden über Diagnostik, Rechtliches, Konzepte für das Jugendamt und FASD in einer Jugendhilfeeinrichtung diskutiert.

Am Samstag gab es sogar die Möglichkeit, "alles, was uns noch unter den Nägeln brennt" aufzugreifen. Dafür wurden spontan Fragen oder Aussagen durch Teilnehmer formuliert und Interessensgruppen gebildet. Auf dieser Weise war es möglich, aktuelle Themen, Probleme und Erfahrungen in einer kleinen Gruppe zu besprechen; diese Form der Diskussion ist nicht nur lösungsorientiert, sondern eröffnete eine Möglichkeit, gezielt d.h. themenbezogen, persönliche Kontakte zu knüpfen.

Die Ergebnisse der Workshops (sowohl die organisierten als auch die spontanen) wurden zusammengefasst präsentiert, was sehr hilfreich war, denn viele Teilnehmer taten sich schwer, sich überhaupt nur für ein Thema zu entscheiden! Der Moderator hat hervorragende Arbeit geleistet und diesem anspruchsvollen Programm die nötige Struktur gegeben, ohne die es nicht möglich gewesen wäre, an 2 Tagen so konzentriert und diszipliniert durcharbeiten zu können.

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt der FASD-Fachtagung ist die Gemeinschaft bzw. der Austausch. Kommunikation und Vernetzung finden auf jeder Ebene statt: es gibt die persönlichen Kontakte zwischen den Teilnehmern; die Referenten lernen sich untereinander kennen und man hat auch als Teilnehmer immer die Möglichkeit mit den Experten "zwischen Tür und Angel"-Gespräche zu führen, und diese gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt entsprechend zu vertiefen.

Zum vierten Mal wird nach der FASD-Fachtagung in Dresden eine Tagungsdokumentation erstellt und herausgegeben - so entsteht ein "state of the art" Sachbuch, ein wichtiges Nachschlagewerk zum Thema FASD. Das ist sehr begrüßenswert - nicht nur für die Teilnehmer der Fachtagung, die dadurch viel entspannter und konzentrierter zuhören konnten.

Die Fachtagung in Dresden war für mich (Adoptivmutter von zwei Kindern mit FAS und Vereinsmitglied in FASD Deutschland e.V.) die zweite, die ich besucht habe. Faszinierend fand ich die Energie, die man spürte. Es ist gelungen, leidenschaftliches Engagement mit Kompetenz und Wissen zu verbinden. Ich kann die Fachtagung uneingeschränkt empfehlen und freue mich bereits jetzt auf 2015 in Osnabrück!